fotografie und versprechen


fotografie ist ein versprechen. die empfindung von schönheit, die kontingente möglichkeit eines bildes, die begeisterung vor einem objekt, lassen mich den mechanismus auslösen. dies geht am vorsatz vorbei, die komposition zu bedenken und folgt dem versuch, das gesehene als sichtbares zu erhalten - dabei ist das, was ich gesehen habe, oft nicht das, was faktisch zu sehen war, und was zu sehen war, habe ich vielleicht übersehen. was sichtbar war, ist für das bild verloren.

fotografie ist ein versprechen. das aufleuchten der schönheit - der bedeutsamkeit - kehrt in der dunkelkammer wieder, aber als anderes, nicht als wiederzuerkennendes, nicht als das gemeinte. die vergangene gegenwart ist im bild auf das wesen reduziert. all mein in-sein, das körpergefühl, die stimmung der zeit, die erregung über das versprechen der fotografie - ich habe es in der schwärze, am rand des bildes zurückgelassen. dennoch: im erstaunen kehrt die schönheit wieder, im erstaunen über das im entwicklerbad erscheinende bild, das ein neues objekt, eine realität ist.

fotografie ist ein versprechen. in völliger dunkelheit zeichnet das licht seine eigensinnige spur. ich stehe außerhalb dieses geschehens, bin weniger als ein beobachter, meine hand reicht nur bis zum gehäuse der kamera, und nur indirekt kann ich erschließen, was geschehen sein mag. manchmal bin ich sogar abergläubisch genug, um zu denken, dass es weniger der eingefangene lichteffekt, als vielmehr die zeit ist, die zwischen dem aufnehmen der fotografie und dem entwickeln des negatives liegt, die das bild macht.

fotografie ist ein versprechen. in dem willen, dieses foto aufzunehmen, resoniert der glaube an die möglichkeit, etwas aus dem vergehen zu retten, eine schmale erinnerung festzuhalten, die diesen augenblick wiederbegehbar macht - als ließe sich die zeit abziehen, reproduzieren, verfielfältigen, und das bild wäre der schlüssel zu einem raum der wiederholung, der vergegenwärtigung, ein instrument des begreifens und besitzens.
das gültige bild ist nirgendwo. das negativ ist kein abbild der verzeichneten situation, und es ist in seiner negativität auch kein original. jeder abzug ist ein mehrschichtiges unikat, er versammelt und verarbeitet abgelichteten sachverhalte und vermittelt sie in der spezifischen materialität, die seine entstehung bedingt.

fotografie ist ein versprechen. die clandestinen machenschaften des lichts sind paradoxerweise unsichtbar, seine vernehmbaren spuren übersetzen ein geheimnis.

 


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ausstellung mit alexander steffens.
die frühperle, boddinstraße, berlin neukölln.

dokumentiert von grischa lichtenberger.