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A USER'S MANUAL
Plattenvereinigung, 17. - 24. September 2016

Als Artist in Residence im Rahmen von Serialität und Zyklus zeigte Charlotte Klink ihre Installation “A User’s Manual” in der Plattenvereinigung. In mehr als 15.000 Bildern untersucht diese Arbeit die Banalität wie die Poesie repetitiver Alltäglichkeit. Die Künstlerin, die sich sonst in bis ins Detail geplanten Fotografien selbst inszeniert, schreibt dazu Folgendes:

Seit mehreren Monaten lebe ich mit einer Wildkamera in meinem Zimmer. Die Kamera ist mit einem Bewegungssensor ausgestattet und registriert jede meiner Bewegungen. Aufnahmen, die dem Privaten angehören, entstehen, doch sie sind privater als die Aufnahmen in Familienalben oder auf dem eigenen Handy. Es sind Aufnahmen von minimalem Reiz, ausgelöst durch minimalen Reiz. Schon nach einem halben Tag hatte ich eine Beziehung zur Kamera aufgebaut und versuchte, sie zum Auslösen zu bewegen. Ich hatte ein Gegenüber in einem Raum geschaffen, der nur meiner ist. Ein Gegenüber, das nur reagiert, wenn ich etwas tue. Die seitdem entstandenen Aufnahmen (es sind um die 15.000) von Tel Aviv nach Berlin in die „Plattenvereinigung“ zu bringen, ist eine Verschiebung, die mit dem Fremdsein weiterarbeitet. Die „Plattenvereinigung“ selbst in ihrem Status als „temporäres Recyclinggebäude“, zusammengefügt aus Platten aus Ost und West, zeugt von einer Transposition als gründender Geste.

„A User’s Manual“ stellt die Frage, wer wir sind, wenn es kein Gegenüber gibt, das uns zum Subjekt macht. Der Titel der Arbeit referiert auf die Bedienungsanleitung („User’s Manual“), das die Funktion der Kamera für den, der sie bedient, erklärt. Doch der Titel ist ambivalent, macht doch auch die Kamera, und diese Kamera im Speziellen, den Bedienenden zu ihrem Subjekt. „A User’s Manual“ untersucht die Einsamkeit, indem sie sich ihr gnadenlos stellt. Das Resultat sind Fotos, die banal und poetisch, abstoßend und schön zugleich sind. Vor allem aber sind sie repetitiv, da sie die Momente zeigen, die sonst niemand registriert. 

Aus dem Privaten Raum in den Öffentlichen ist die Bewegung, die dieses Projekt vollzieht. Aber genauso kann man es umkehren und sagen, die Bedingung für diese Fotos des Privaten ist die Öffentlichkeit, die immer wieder in das Private eindringt. Das Projekt ist in Tel Aviv entstanden, in einem WG- Zimmer im Süden der Stadt. Meine Rolle hier ist die einer Fremden, und es ist kaum möglich, als Fremde einen Raum zu beanspruchen. Gemäß Virginia Woolfs berühmtem Diktum aus A Room of One’s Own, eine Frau brauche „fünfhundert (Pfund) im Jahr und ein eigenes Zimmer“, um schreiben zu können, nehme ich den einzigen Raum, der mir in der Fremde zur Verfügung steht und arbeite mit und in ihm. Ein riesiger Einbauschrank bedeckt die rechte Längsseite des Zimmers komplett und legt Zeugnis ab über das Verhältnis von Öffentlichem und Privatem in der Fremde: In ihm habe ich, Monate nachdem ich eingezogen bin, in einem der oberen Fächer einen Stapel Armeehosen und –hemden gefunden. Dieser Einbruch der (israelischen) Realität in meinen Raum hat mich zu dem Projekt gebracht.