normandie_613


zeitdilatation

diese deine geschichte, die wir nie geteilt haben werden und die mir doch geläufiger ist als meine eigene - weil du sie erzählst, von ihr träumst, mir bilder schenkst - oder nicht bilder, sondern blassfarbene stimmungen. diese deine geschichte bringt mir meine eigene nah, die mir so fremd ist, als hätte ich sie bloss irgendwo gelesen; meine geschichte, die ich, anders als du, zwar aufsuchen kann, da in den bergen, die mich aber verstößt wie ein gewissenhaft auswendig gelerntes gedicht, mit dem man umso weniger anzufangen weiß, je mehr sein rhythmus durch die wiederholung verschlissen ist. manchmal ist mir, als begegneten wir uns in deinen sentimentalen imaginationen als kinder - nicht, als hätten wir uns als kinder gekannt, und nicht, als hätte unsere einsamkeit damit ein ende gehabt, aber als begegneten sich die kinder, die wir vielleicht einmal waren in unseren entfernten kindheiten von jetzt aus gesehen, als bestünde das gewesene fort in einem geheimen bezug zur gegenwart und holte sich nach, holte diese gegenwart in sich ein. dem kind, das ich wohl einmal war und das kind geblieben ist - dem kind, das in der vergangenheit immer noch lebt - bist du trost und freund: als du und als der, der dir die bilder und träume aus deiner kindheit bringt. 19713