besen

Kurz nachdem sie die Tanzschule verlassen hatte, war sie ihm auf der Straße begegnet, zusammen mit einem in seltsames fleckiges Schwarz gekleideten Mann, der sie offenen Gesichts anschaute. Er war ihr in diesem Moment gar nicht aufgefallen, weil er sich hinter seinem Begleiter befunden hatte und bloß seine zerzauste Stirn über dessen Schulter spähte. Außerdem hatte dessen Lächeln sie betroffen gemacht: es schien um ihre heimliche Traurigkeit zu wissen und ließ für einen kurzen Augenblick eine schreckliche Lebenslust aufstoßen.

Sie hatte die beiden nicht wieder getroffen und, nebenbei gesagt, sie hatte sie auch niemals gesucht oder vermisst, sondern die Begegnung sofort vergessen. Sie war wieder in das gewohnte einfache Grau gefallen, das ihr die einzig erträgliche Haltung schien, obwohl es in drastischem Gegensatz stand zu dem strahlenden Sommer, der um sie herum gerade fröhlich krähend veranstaltet wurde, der sie aber - wenigstens tagsüber und wohl wegen seines grellen, vorführenden Lichts - stets deprimierte und sie ihre Unzeitigkeit umso heftiger empfinden ließ.

Sie hatte die Begegnung vergessen - bis zu diesem sehr frühen Morgen, als sie von ihrem eigenen lustvollen Stöhnen aufgewacht war. Es verwunderte sie, an sich selbst eine Erregung oder etwas anderes als die beruhigende Indifferenz wahrzunehmen, die sie sich bisweilen vorwarf, grundsätzlich aber für angemessen hielt, um den spitzen kleinen Widrigkeiten des Alltags wenigstens den Anschein von Gleichmut entgegenzuhalten. Sie war wieder eingeschlafen, war in den angenehmen Traum zurückgekehrt, in seine Spannung und seine Wärme. Als der Wecker später klingelte, sprang sie sofort auf und bereitete und trank den einsamen morgendlichen Kaffee. Sie war noch etwas benommen - wie sie den Zustand bezeichnete, der sie unwahrscheinlich entsetzte und vor dem sie sich regelmäßig in eine absorbierende profane Betriebsamkeit flüchtete. Zum Glück begann das Training in 40 Minuten; sie hatte gerade noch Zeit, eine kurze Dusche zu nehmen und frische Kleider einzupacken. Dann trat sie aus dem Haus, sah nicht nach dem Himmel und übersah auch das sanfte goldene Flimmern in den Blättern der Bäume geflissentlich. Meistens brachte sie die Wege, die sie zu gehen hatte, ohne ausdrückliche Wahrnehmungen hinter sich, weit hinter der Gegenwart in einer Gedankenverlorenheit, die sie vor dem Lärm der Welt feite.

Als sie aus der U-Bahn ins Freie kam und einen unvorsichtigen Blick über die Straße entwischen ließ, riss leise etwas in ihr, ohne dass sie dessen deutlich gewahr wurde. Erst später, mitten in den Proben, kam ihr bei einer Bewegung, deren Leichtigkeit ihr jedes mal die Kehle enger werden ließ, ein verwischtes Bild in den Sinn, von dem sie nicht wusste, ob es der unbedachten nächtlichen Phantasie entsprang oder der Erinnerung: etwas wie Haar oder das ein wenig borstige Fell eines Tieres. In dieser Nacht träumte sie halbwach ihren keuchenden Traum.

In den folgenden Tagen fiel es ihr zunehmend schwer, sich in ihre gewohnte blasse Stimmung zu senken. Sie war absonderlich wach und ihre Sinne wühlten rastlos in den vielen Eindrücken, die die Stadt für die Furchtlosen bereithielt. Immer wieder überkam sie der Drang, sich in eine schattige Nische zu drücken und sich schnell und gierig zu berühren, sich an der Wand oder dem Türpfosten zu reiben. Sie streunte beharrlich, selbst wie ein Tier und auf der Suche nach dem Bild von diesem einen, das sie verfolgte, das in den Falten fremder Mäntel auftauchte und ein boshaftes Spiel mit ihr trieb, indem es sich dem mutwillig unverwandten Blick pfleglich entzog. Überall kam es ihr entgegen, als Andeutung einer Melodie, als Linie, als Kurve, im Gesicht eines Passanten, in der Geste dieser blauen Dame, im herzhaften Greinen des Kinderwagens - und doch war es immer das falsche.

Aber heute hatte sie etwas gefunden, in einer dieser vergessenen Straßen im Schaufenster eines Altwarenhändlers. Es war eine Art überdimensionale, in sich gedrehte Flaschenbürste aus rostigem Metall, die auf jeden Hauch oder ein unbeabsichtigtes Vorbeistreichen mit einem leisen und andauernden Zittern ihrer armlangen Fühler antwortete. Sofort hatte sie gewusst, dass sie dieses Ding zu sich holen musste, dass sie nicht mit ansehen konnte, wie es unter seinen vermeintlichen Artgenossen - den schweren Werkbankzwingen, den schnoddrigen Schraubenschlüsseln und Zangen, den blechern klappernden Kisten, den klobigen, allzu korrekten Rohren und knirschenden Zahnrädern - vor sich hin dämmerte und verkam.

Bei seinem ersten Anblick hatte ihre Traurigkeit zu klingen begonnen, hatte ihre kleine Lunge sich bebend gestreckt und einen Seufzer über ihre Lippen gebracht. Sie war am nächsten Tag zu Geschäftszeiten wiedergekommen, hatte möglichst unauffällig vor dem Fenster gestanden, zärtlich und rauchend, den Haarknoten halb aufgelöst vor Sehnsucht. Dann hatte sie sich überwunden und war eingetreten. Sie hatte die behänden Augen des Alten über sich gleiten lassen, die notwendigen Sätze gesagt und zu deren Beglaubigung den Geldschein gezückt. Bestürzt verfolgte sie nun, wie der Trödler ihr schönes Tier grob packte, schüttelte und mit drei Bewegungen verschnürte. Fast wollte sie rufen, er solle sie mit ihm allein lassen, für einen Moment, damit sie ihm erklärte, was ihm geschehen würde, dass sie es gut mit ihm meine, damit sie ihm die Furcht nehmen könne und seinen kopflosen verbitterten Widerstand ausreden - sie wollte nicht, dass es sich bei diesem Ringen und Gezwänge verletzte, dass ihm vielleicht eine dieser empfindlichen Saiten riss oder die Herzwand.

In der U-Bahn presste sie ihren neuen Gefährten fest an sich, damit niemand auf die Idee käme, ihn abschätzig oder gar wollüstig anzusehen und zu betatschen. Dennoch zogen die beiden die Aufmerksamkeit vieler Fahrgäste auf sich und als sie schließlich im richtigen Bahnhof ankamen, stürzten sie aus dem Wagen über den Bahnsteig und die Treppen hinauf ins zerstreutere Licht. Als würden sie noch immer verfolgt, brachen sie in die nächste Gasse und endlich durch die Wohnungstür. Schnaufend verriegelte sie diese, ihr Tier immer noch im Arm. Jetzt erst durfte sie es auf das Sofa betten und ihre erschöpften Glieder ein bisschen schütteln. Aber sie gönnte sich keinen Schluck Wasser, sondern griff sich sofort ein Messer, damit auch ihr Gefährte endlich seiner starren Haltung entkäme.

Nur hatte sie nicht bedacht, dass das Ding so plötzlich sich aufwerfen würde, dass es immer noch so wenig Einsicht in ihre Freundlichkeit besaß und kaum Selbstbeherrschung: erschrocken fuhr sie zurück; sein entrüstetes Flirren in den Ohren und Tränen im Gesicht wandte sie sich ab und ging ins Bad, um die Kratzer zu besehen, die es ihr so unverfroren beigebracht hatte. Als sie gleich darauf von der Schwelle aus ins Wohnzimmer sah, saß es dort, flegelhaft halb vom Sofa gerutscht, und klimperte aufgebracht mit seinen ungezählten Armen. Sie spürte einen leichten Biss in die Seite ob dieser Undankbarkeit und ging unbemerkt in die Küche, um ihren Durst zu stillen und darüber nachzudenken, wie jetzt weiter zu verfahren sei. Doch sie kam zu keinem Schluss, sondern schlich sich nach einigen kurzen Minuten betreten zur Tür: noch immer liefen ihm gruselige Schauder durch die Fühler; es wollte sich nicht beruhigen. Heimlich schloss sie es ein.

Lange tappte sie unbestimmt durch die Wohnung. Erst nach einigen Stunden, als sie sich dessen entsonnen hatte, wie warm sich ihr Gefährte auf dem Weg hierhin an ihre Brust geschmiegt hatte, entschloss sie sich, eine zweite Annäherung zu versuchen. Er saß, jedoch gänzlich zu Boden gerutscht, immer noch an derselben Stelle. Als sie auf ihn zuging, fing er von neuem an zu zittern. Sie nahm sich ein Herz und ging begütigend flüsternd auf ihn zu, setzte sich vorsichtig zu ihm - gerade so nah, dass sie sich nicht berühren konnten - , lehnte sich an das Sofa und schloss die Augen. Blind und umso wacher erzählte sie ihm von dem Mädchen mit den roten Schuhen, das so gerne tanzte und das vor allem tanzte, wenn es traurig war. Die ganze Nacht über saß sie hier und sprach ihm sanft von der aparten Schönheit ihrer Welt. Als es dämmerte und die Luft sich in den grauen Schleier hüllte, der so gut zu ihrer gewohnten Stimmung passte, war sie eingeschlafen, etwas näher gerückt und die linke Hand sachte an einige seiner delikaten Fühler gelegt.

Sie erwachte wieder von ihrem eigenen Stöhnen, das sich diesmal aber mit seltsamen, metallisch raschelnden Geräuschen mischte. Sie hatten sich ineinander verfangen, lagen einander in den Armen. Noch nie war ihr so wohl gewesen in einem Moment des Aufwachens, wie hier, auf den Boden gestreckt, jetzt, an seiner Brust. So lange sie konnte, blieb sie bewegungslos, damit sie ihn nicht weckte - oder war auch er schon wach? -, dann befreite sie sich behutsam aus dem Gespinst. Sie kochte zwei heiße Tassen Kaffee und entzündete zwei Zigaretten am Herd.