bildgedenken


Die Videointerviews mit Überlebenden der Shoah in dem Vorhaben zu betrachten, Bilder aus ihnen zu erarbeiten, die für die Eindringlichkeit und Dichte der Erzählungen einstehen könnten, parallelisiert Hören und Sehen auf eine eigentümliche Weise – die Geschichte lädt sich auf mit der Anwesenheit des Zeugen, der da war zu der Zeit, von der er erzählt, und der da ist in der Zeit, in der er erzählt. Seine Sichtbarkeit bestätigt sein Sprechen als wahrhaftig, und beides erweist zugleich das Unvorstellbare als reales historisches Ereignis: Der Rezipient steht vor der Herausforderung, das Gespenst der Vergangenheit als Wirklichkeit anzuerkennen.

Vor dem Hintergrund der Absicht, Standbilder von den Videos zu nehmen, gewinnen die Mikrobewegungen im Gesicht an Bedeutsamkeit. Trotz (oder gerade aufgrund) der statischen Kameraposition und der oft über lange Zeit gleichbleibenden Haltung des Interviewten gibt es überraschend viel zu sehen – immer mehr, als ich fassen kann. Die Konzentration auf das Sichtbare provoziert einen aufschlussreichen Wechsel des Augenmerks vom erzählten Inhalt oder vom „Gesagten”, wie Levinas es nennen würde, hin zum unwillkürlichen sinnlichen Zeichen, zum „Sagen”. Es geht um anderes als das Bewahrheiten historischer Fakten – diese Zeugen haben die radikalste Infragestelllung menschlicher Existenz erfahren und überlebt. Die Dimension der Vernichtung, der Auslöschung durchzieht ihr Leben – und auch die Geschichte – mit einem Riss und konfrontiert jedes Narrativ, jedes Bild mit seiner Negativität.

Die Geschwindigkeit, mit der sich die einzelnen Gesichtspartien verändern, ist frappierend, ein fließendes Ineinander heterogener Affekte und Körperzustände zeichnet sich auf dem Bildschirm ab, und mir ist, als würde ich ein dräuendes, schwelendes Unwetter beobachten – der Druck auf den Auslöser (bzw. auf die „Druck”-Taste am Rechner) kommt immer zu spät und erwischt den Moment nicht, der den Impuls gab. Um diese Blindheit wenigstens ein Stück weit auszugleichen, beginne ich, vom Gehörten her zu interpolieren, wie das Gesicht gleich aussehen wird. Es ist ein inbrünstiges Studium, aber es schafft keine Abhilfe. So entstehen etwa 100-150 – lediglich stichprobenartige – Standbilder von jedem Zeugen, und dennoch scheint es während des jetzt anschließenden Auswahlverfahrens oft so, als wäre kein Bild dabei, das ich der jeweiligen Person als Fotografie ihrer selbst zumuten möchte. Nur manchmal findet sich eines, das besticht, weil es Reste der anderen Momente noch sichtbar in sich trägt.

Während nun der Scanner seine Arbeit tut und der Projektor unter dem schwarzen Tuch – das nötig ist, um auf diesem Weg überhaupt ein Bild zu generieren – laut nach Luft schnappt, bleibt viel Zeit, die wenigen übrig gebliebenen Bilder erneut einer eingehenden Betrachtung und Prüfung zu unterziehen. Dabei drängt sich die Beobachtung auf, dass das Standbild, sobald es nicht mehr im Kontext des Gesprochenen und nicht mehr in der Kontinuität des Videos steht, in seinem Ausdruck mehrsinnig wird – die Deutbarkeit der Mimik changiert mitunter stark zwischen Trauer, Aggression, Nachdenklichkeit, Ruhe und, ja, nahezu glücklicher Ekstase. Sogar auch in die andere Richtung lässt sich diese Polyvalenz ausmachen: Momente einfacher Rede, die auf den ersten Blick recht unscheinbar wirken – oder auch ein Lachen zwischendurch – können umkippen in Bilder emotionaler Höchstintensität oder des Schmerzes.

Zwei Scans mache ich von jedem Standbild, einen einfachen, „naturgetreuen” und einen durch eine Plexiglasscheibe hindurch, die einige Zentimeter vor dem Scannerglas positioniert ist. Schon ersterer entfremdet das farbige Original ein wenig, er reproduziert es in Grautönen, spiegelverkehrt und etwas gestaucht. Die materielle Konsistenz des Plexiglases reduziert im zweiten Scan zusätzlich die Identifizierbarkeit der Gestalt, sie verwischt die Konturen, löst die Grenzen des Körpers auf. Das Ergebnis vermittelt den Eindruck, als befände sich der Zeuge in einem lichten Raum, aus dem das Antlitz wie aus einem nebligen Nichts auftaucht. In der weiteren Bearbeitung lege ich diese beiden Bilder übereinander und regle ihre Opazität auf 5 bis 20 Prozent zurück – bliebe es dabei, wäre weniger zu sehen als ein Schatten. Erst durch das Hinzufügen und Überblenden von zwei weiteren Materiallayern, die ursprünglich nur der Tarnung und Verundeutlichung der Bilder dienen sollten, wird im Bild wieder etwas erkennbar: Die Verschleierung wird zur Bedingung für die Sichtbarkeit.

Die aus diesem Prozess gewonnenen Bilder haben für mich viel mit sekundärer Zeugenschaft zu tun, sie sind Spuren der Konzentration des Blicks und des Gehörs beim Betrachten der Interviews. Zugleich verzeichnen sie die Differenz des und den Abstand zum Zeugen, den Hiatus zwischen Erfahrung/Erinnerung und Vorstellung/Verstehen, zwischen dem Unbegreiflichen und dem Bild, das wir uns davon machen. Das Antlitz zieht sich sichtlich in seine eigene/andere Welt (der Erinnerung) zurück, es erscheint wie durch ein dunkles Glas, das zwar seine Gestalt nicht vollständig löscht, aber doch unkenntlich macht. In dieser Trübung resoniert die Unwiederbringlichkeit (und Unheilbarkeit) der Geschichte. Sie verweist auf die Unmittelbarkeit und Inkommensurabilität der einzelnen Erfahrung und bildet zugleich eine Art Schutzraum für das Gesicht, das sonst (gerade in „schlecht getroffenen“ Standbildern) nackt, obszön, manchmal entstellt und ein wenig abstoßend wirkt – so aber den Blicken des Lesers nicht ausgesetzt ist, sondern von ihnen erst gesucht, aufgesucht werden muss, ohne sich deswegen preiszugeben. Die Gesichter scheinen hinter der Tarnung umso deutlicher vom Tod gezeichnet zu sein; Das Leichenhafte, Unheimliche an ihnen lässt nicht von ungefähr an die zweite und dritte Bedeutung von „Gesicht“ denken: an Vision/Prophetie und Geistererscheinung.

– – – Fast möchte ich noch sagen, dass das oben angerissene Verhältnis zu den Zeugen ein Paradigma darstellt für die Beziehung zum Anderen überhaupt. Der Zeuge ist der Andere par excellence, er ist ein Bild für den „alltäglichen“ Anderen, dessen Entfernung meist nicht so evident ist, dem ich aber stets begegne, ohne mich mit ihm – etwa durch Verständnis – je ganz verbinden zu können.


Erschienen im Band “Videographierte Zeugenschaft – Ein interdisziplinärer Dialog”, herausgegeben von Anne Eusterschulte, Sonja Knopp und Sebastian Schulze. Velbrück Verlag 2016. 

Mehr zu meiner Arbeit am Thema Zeugenschaft: biografie-berlin.de