kambodscha

im dezember 2013 erhielt ich den auftrag, die geschichte keang chous aufzuschreiben, einer kambodschanerin, die das regime der khmer rouge er- und überlebt hat. nebenstehender text ist ein auszug aus dem in arbeit befindlichen manuskript. mehr dazu hier.

Liebe Keang Chou,

gestern, als wir am Telefon über die ersten Seiten dieses Buches gesprochen haben, wurde mir wieder deutlich, mit welchen Schwierigkeiten das Übersetzen zwischen uns konfrontiert ist. Du hattest einige Zweifel, insbesondere an der Durchbrechung der Chronologie, die ich vorgenommen habe. Ich wollte dich fragen, ob es dir unangenehm ist, diesen Text über dich zu lesen; Kannst du dich darin wiederfinden? Oder bist du befremdet? Ich habe versucht, dir zu erklären, warum eine achronologische Erzählung für mich stimmig ist, aber im Rückblick weiß ich nicht, ob du mich verstanden hast. Du warst so still, hast nichts dazu gesagt und auf meine Fragen nur ausweichende Antworten gegeben. Dadurch ließ ich mich dazu verleiten, auszusprechen, was dich vielleicht noch mehr vor den Kopf stößt: Die Keang Chou in diesem Text wird mir immer mehr zu einer Figur, die nicht deine Person repräsentiert, sondern eine imaginäre Instanz darstellt, in die zwar die verschiedenen realen Begegnungen mit dir einfließen, aber eben auch Vorstellungen von dir, die ich mir mache – machen muss – während ich deine Geschichte aufschreibe. Die Protagonistin ist ein Hybrid aus deiner Stimme, den digital konservierten Interviews, die meinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen, aus meinen Erinnerungen an unsere Gespräche und aus – den Ergänzungen und Modifikationen meiner Phantasie.
Und wenn ich auch versuche, mein Defizit an Erfahrung durch Vorstellungen zu kompensieren, die Lücken durch Worte wettzumachen, von denen ich bloß hoffen kann, dass sie an ihrem äußersten Rand etwas sagen könnten – es ist weder meine Geschichte, die ich hier schreibe, noch wird es die deine sein. Dieser neuralgische Punkt, die Leerstelle, um die herum sich die Sätze winden, kann nicht einfach vernachlässigt werden: Die Erzählung, die ich von deiner Geschichte nur anfertigen kann, bleibt eine Fiktion. Aber was ist der Unterschied zwischen Realität und Fiktion? Sind die Narrative, die wir einsetzen, um das Wirklichsein zu bestehen, radikal von den Syntagmen der Imagination abzugrenzen? Was ist so anstößig an der Annahme, dass Erinnerung und Traum einander ähneln? – Nun, ich schäme mich ein wenig dafür, epistemologische Fragen in einen Kontext einzubringen, wo sie die Schlussfolgerung nahelegen könnten, über die Realität historischer Tatsachen ließe sich streiten. Aber jenseits der durchaus angemessenen Scham gibt es auch die Hoffnung, dass ich, als diejenige, die dich deine Geschichte wieder und wieder erzählen hört, dass ich als Zeugin deiner Zeugenschaft dir etwas wiedergeben könnte; Die Hoffnung, dass meine schriftlichen Imaginationen in dir das Gefühl bestärken könnten, gehört worden zu sein; Die Hoffnung letztlich, dass Fiktion etwas aufzurufen wüsste, das nicht direkt ausgesprochen werden kann – etwa wie ein Traum, dessen Bilder anders bedeuten.
„Vielleicht wirst du diese Worte niemals lesen. Und vielleicht würde ich dann – aber wann? wie kann etwas, das nicht stattfindet, ein Ende haben? – eine Erleichterung verspüren, weil ich dich nicht enttäuscht haben würde.“ – In den ersten Skizzen zu diesem Brief an dich habe ich dich adressiert als nicht adressierbaren Anderen. Jetzt hast du aber damit begonnen, deine Geschichte zu lesen, nicht in der Version, die du dir damals abgerungen hast, sondern die mit meiner fremden Stimme erzählte. Wie liest du sie? Wie nimmst du die Diskrepanz wahr, die zwischen unseren beiden Perspektiven besteht, und die ich – notdürftig allemal – übersetze, indem ich die Sprache arbeiten lasse und aufschreibe, was deine Erzählung mir sagt? Ich wünschte, ich könnte dir zeigen, was dieses Buch für mich bedeutet, könnte dir die Konstruktion nahebringen als den ehrlichen Versuch, mich auf deine Geschichte einzulassen, ohne die Konstellation, in der sie mich erreicht, zu verschweigen. Dir sind die Schwierigkeiten vielleicht ganz unvorstellbar, die sich für mich mit dem Erzählen verbinden. Und für mich sind gerade diese Schwierigkeiten von größtem Interesse, sie sind meine Motivation. Dennoch: dieses Buch ist nicht zuletzt für dich, und wider besseren Wissens bin ich traurig darüber, dass es dich nicht erreicht. Ich spüre deine Erwartung und teile den Verdacht, mich vielleicht nicht genügend in die eigentliche Geschichte fallen zu lassen, sie nicht schlicht und einfach zu erzählen wie du sie erzählt hast, sondern noch etwas anderes zu wollen, mir eigene Absichten anzumaßen. Woher rechtfertigt sich diese Haltung? Woher nehme ich die Dreistigkeit, die Missverständnisse nicht zu bedauern, ihrer nicht Abhilfe zu schaffen sondern sie produktiv zu machen? Wie legitimiert sich die Lust daran, die vielen Lücken durch Erfindung zu füllen? – Es kann ja nicht darum gehen, dieses Buch von dir zu emanzipieren, die Fiktion Überhand gewinnen zu lassen, und den Maßstab, der durch deine Erfahrung gesetzt ist, zu übergehen. Die oberste Priorität besteht tatsächlich darin, deine Geschichte aufzuschreiben, für dich und – an deiner statt. Aber es ist eben keine echte Stellvertretung, ich kann nicht in deine Haut schlüpfen. Was mir einzig übrig bleibt, ist, das wiederzuerzählen, was ich von dir gehört habe. Was du also liest, ist eine Übersetzung deiner Erzählung, die dich selbst noch vor die Forderung stellt, zu übersetzen. Vielleicht müsste jemand anderer sie für dich in eine andere Sprache bringen – in diesen kleinen chinesischen Dialekt am besten; Und ich wünschte, es wäre jemand, der dir den Versuch der Poesie darin nahebringen könnte, sodass du berührt davon wärst. Aber selbst dann würdest du deine eigene Erzählung nicht wiedererkennen. Du würdest nur eine Übersetzung dessen vor dir haben, was andere gehört und verzeichnet haben. Du wirst immer lesen, was niemand anderer lesen kann. Du wirst nie lesen, was jeder andere lesen kann. Trotzdem gäbe dir gerne das Gefühl, gehört worden zu sein, gerne hätte ich die Macht, dein Zeugnis real werden zu lassen – als hättest du vor den Außerordentlichen Kammern an den Gerichten von Kambodscha öffentlich Rede und Antwort gestanden.
Was das persönliche Zeugnis vor anderen historischen Quellen auszeichnet, ist, dass es die Erzählung von jemandem ist, der die Geschichte erlebt hat, der anwesend war; Jemand, der da war zu der Zeit, von der er erzählt, und der da ist in der Zeit, in der er erzählt. Das Zeugnis hinterlässt eine Spur von Wirklichkeit, die bedeutsamer ist als seine Wahrheit. Der juridischen Rechtsprechung wie der objektiven Geschichtsschreibung, für die Wahrheit der richtigen Rekonstruktion historischer Tatsachen entspricht, entwischt diese Wirklichkeit hinterrücks, denn es ist ihnen gleich, wer die Menschen waren, die sie gelebt haben. Das Zeugnis hält das Dagewesensein dort, wo es unaufhaltsam in die Vergänglichkeit rutscht, es ähnelt also selbst der Imagination oder gar der Fiktion. Das Zeugnis hält die Vergangenheit nur durch eine Verschiebung, die dem zeitlichen Abstand entspricht, es vermag nur zu bezeugen, indem es etwas weitergibt, indem es etwas entlässt; Das Vergangene ist vergangen, unwiederholbar – zum Glück. Die Erinnerung, die du weitergibst, der Moment, in dem du erzählst, wird auch vergangen sein. So setzen die Geschichte und die Erzählung sich fort: in eben der Verzeichnung, der Imagination, der Übersetzung.
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