paul

Was geschieht eigentlich, wenn jemand, nennen wir ihn Paul, – aus welchen Gründen auch immer, ob er nun freiwillig oder gezwungenermaßen einen anderen Anfang sucht – seine gewohnten Lebensumstände verlässt und sich, nicht als Reisender auf Zeit, sondern mit dem ganzen Gewicht seiner Zukunft an einen anderen Ort begibt?

Zuerst ist vielleicht alles glänzend und neu, wie in den großen Ferien. Das Licht ist ein wenig anders, der Himmel näher oder blauer oder doch wenigstens erhabener in der Weitläufigkeit der Kulisse für das Wolkenspiel. Ihm begegnen ungeahnte Dinge, unverhoffte Möglichkeiten tun sich auf und eine Freiheit deutet sich an, die der Emphase, mit der dieses Wort meist ausgesprochen wird, endlich ansatzweise zu entsprechen scheint – ganz anders allerdings, als er es sich ausgemalt hatte. Seine Sinne sind weit geöffnet und erstaunlich beweglich, wenigstens für Momente nehmen seine Augen den Raum nicht mehr als Fläche, sondern in seiner dimensionalen Dehnung und Spannung wahr. Voll zuversichtlicher Erwartung sieht er den Horizont, blickt er in die Ferne. Seine Ohren hören die krisselige Melodie des Regens der auf den Saiten seiner Haut ein Lied spielt – ein Lied von woanders her. Er riecht im Dreck die unvermeidliche Geschichte der Straßen und muss sie lieben, trotz oder wegen des Klumpens, der durch seine Eingeweide kriecht. Sein Herz pumpt freudig Blut bis in die letzten Winkel der Kapillargefäße, seine Hände betasten beharrlich die Gesichtszüge der Stadt, in denen sich ein sublimer Sinn vage andeutet. Selbst im Grau des Betons, in demjenigen des Teers, in den verwaschenen Farben der Fassaden und Treppenhäuser, selbst in der staubigen Sterilität der Ämter und der Bedrücktheit der Billigsupermärkte ist diese heimliche radioaktive Strahlkraft.

Irgendwann aber fällt ihm auf, dass ihm irgendwo die Selbstverständlichkeit abhanden gekommen ist, mit der er bisher Alltägliches zu verrichten wusste. Paul läuft durch die Stadt und erkennt nichts wieder und erkennt sich nicht wieder. Mit dem Korsett der bekannten Blicke hat er sich selbst, hat sich sein Weg verflüchtigt und er irrt jetzt durch zerebrale Gegenden, die ihm nicht nur fremd und unheimlich, sondern schleierhaft sind und denen er ausgesetzt ist wie ein verwahrlostes Kind – außerstande, deutlich zu empfinden ob etwas ihm missfällt, außerstande, zu sagen wie es ihm geht, ganz hineingesetzt in diese Zustände, die er nicht zu benennen weiß. Ihm ist, als hätte er keine Geschichte, als käme er von nirgendwo her und wäre als dieser immer noch nur halberwachsene Mensch an einem der offenen Plätze zwischen Häuserfluchten geboren worden, fix und fertig und schon deshalb keiner Mutter bedürfend. Ihm ist, als wäre er ein paar Wochen nach seiner Ankunft hier, oder zu einer unbemerkten Tageszeit, plötzlich einfach da gewesen – ohne Anlauf in ein simples und überaus sprödes Jetzt gefallen, ein Jetzt, das sich dauernd vervielfacht ohne mehr zu werden, eine Gegenwart ohne Verbindung zur letzten, eine Gegenwart ohne Übergang zur nächsten, und noch eine Gegenwart, herausgebrochen aus der erinnerten Möglichkeit einer ehemals unhinterfragten Kontinuität.
Ausgefranst sind seine Erlebnisse, unsinnig weil ohne Zusammenhang, weil ohne Bedeutung und ohne Rückbindung zu seiner Person – überschwemmt mit aufreibender Feinsinnigkeit und Präzision, zu bewältigen nur in einer retardierten Hysterie, die das Flirren der Räume potenziert und den vitiösen Zirkel beschleunigt, bis ihm übel ist vor Erschöpfung. Immerfort muss er aufpassen, dass er nicht verschwindet, dass er nicht wegrutscht und erneut in eine der parallel existierenden Gegenwarten stürzt. Immerfort ist er in Anspruch genommen von dieser aufdringlichen Präsenz, von diesem Lärm der verlorengegangenen überflüssigen Dinge, die an jeder Ecke, in jeder Lücke hocken und darauf warten, von jemandem gefunden zu werden, der sie nicht gesucht hat.
Selbst in der kleinen Wohnung, die Paul gemietet hat, weil er sich häuslich einzurichten gedachte, hält es ihn nicht und selbst im Schlaf findet er keine Ruhe, weil der ihn überfällt wie Blei und das Erlebte, anstatt es zu verwinden, im Marianengraben seiner Seele versenkt, unauffindbar noch für den verbissensten Taucher. Dazu kommt diese Unkonzentriertheit, diese andere Anwesenheit in der übervollen Präsenz, die sich nicht anders realisieren kann denn als Schatten, der in seiner Dichte und Bedeutung mehr Wirklichkeit besitzt als dasjenige, das ihn wirft. – Eine Parallelreflexion die permanent mitläuft also, deren Gegenstand sich aber sofort verflüchtigt, wenn Paul anders als aus dem Augenwinkel einen Blick davon zu erhaschen sucht und die ihn zurücklässt voller Sehnsucht nach dieser ihm aus Gesichtern und Mündern entgegenschlagenden Integrität. Ein Ziehen ist in ihm, das selbst nichts von seinem Ziel weiß und deshalb in rastlosem Streunen Momente verschlingt um ihnen näher zu kommen – erfolglos: Paul bleibt draußen in seiner übertriebenen Präsenz, er bleibt eingeschlossen in die Haut seiner penetranten Gedanken, torkelnd auf dem Grat unerträglich intensiver Begegnungen und getrieben vom Wunsch nach jener Stille, die dem Dasein mehr Gewicht verleiht. Ihn dürstet nach einer festeren Existenz, nach einer Realisation mit allen Fiebern, im kalten Fieber.

Und dann sie, eine verkörperte Sehnsucht, ein wirklicher Anfang, eine reellere Möglichkeit: Sie, deren Blick sich in den seinen verirrt und daraufhin die Verfolgung aufgenommen hat, bis in seine Nächte hinein und so erbittert, dass er endlich atemlos stehen bleiben und sich ihm stellen musste. Sie, die ihn versehentlich aufgelesen hat wie eines dieser verwaisten Dinge, die sich einem hartnäckig an die Fersen heften. Sie spricht zu ihm wie zu einer verdichteten Imagination, die ihr vertraut ist, weil sie sich immer schon von ihr begleitet weiß. Sie begegnet ihm als diesem ungeborenen Geschichtslosen, den es nicht gibt – obwohl sie nicht ahnt, in welchem Maß sie recht damit hat.
Paul sucht ihre Anwesenheit, durch die er eine gewisse Wirklichkeit erlangt in dieser Welt, in der er sonst ungesehen bleibt und aus der er sich unwillkürlich zurückzieht, wenn ein offener Blick ihn zufällig trifft. Er liebt ihr Fleisch weil es ihm Festigkeit gibt, eine seltsame und rauschhafte Materialität, die derart von Sinnlichkeit strotzt, dass er haltlos in ein rotes Vakuum sinkt – Entfernung: die Rückseite durchdringender Präsenz. Ihre Worte berühren ihn, ohne dass er verstünde, wovon sie spricht. Geflissentlich und hochkonzentriert hört er ihr zu und kann doch nicht umhin, die Bewegungen ihrer Lippen, das Beben ihrer Nasenflügel, die nervöse Ungenauigkeit ihrer Gesten wahrzunehmen; in dem grellen Licht seiner erbarmungslosen Aufmerksamkeit erscheint sie ihm wie ein exotisches und abstoßend obszönes Tier. Trotzdem reißt es ihn zu ihr hin, trotzdem verlangt ihn nach ihrer Anwesenheit selbst wenn sie neben ihm ist. – Jetzt sie also, eine verkörperte Sehnsucht, ein Heimweh nach etwas, das es nie gab. Sie, die ihm unter die Haut fährt und doch unnahbar bleibt und ungreifbar wie seine Vergangenheit: immer doppelt, immer ein Bild hinter mattem Glas.

Und dann die verzweifelte und nutzlose Bemühung den Faden wiederzufinden oder besser: ihn zu flicken, die faserigen Fetzen einzusammeln und miteinander zu verknoten. Etwas in ihm arbeitet dagegen, stemmt sich mit aller Kraft wider seinen Versuch und – gibt dann plötzlich nach, um ihn mit unvermuteter Geschwindigkeit am Ziel vorbeischießen zu lassen. Dann also die als Urlaub getarnte Rückkehr an vergangene Orte, die er wiedererkennt ohne sich an sie zu erinnern, der Besuch von Gegenden, in denen er sich zurechtfindet ohne sich je mit Bestimmtheit davon überzeugen zu können, schon einmal hier gewesen zu sein. Er findet Stadtpläne und Landkarten in seinem Gehirn, die er nie sich erschlossen zu haben glaubt und die ihm wie eingeboren anmuten. Er hält sich an Selbstverständlichkeiten und Automatismen, die ihm weniger bekannt als vielmehr ein schlafwandlerisches Programm abzuspielen scheinen. Dem hintergründigen und alles vergilbenden Wahnsinn, der über dieser Schneise auftaucht, die er selbst in sein Leben gerissen hat, begegnet er mit Atemlosigkeit. Fanatisch verfolgt er die gondelnden Zeitreste und Vergangenheitspartikel, die sich wie Feinstaub über alles legen, ohne sich einer eindeutigen Quelle zuordnen zu lassen. Seine Empfindungen sind die eines Anderen und doch nicht desjenigen, der er einmal gewesen zu sein meint.
Angesprochen von den Menschen, die ihm stets zu nahe traten, vielleicht weil oder weil sie gerade nicht spüren konnten, wie groß seine Fremdheit war und wie verständnislos er ihren Vorstellungen von Vertrautheit und Nähe, wie paralysiert er ihren Zuneigungsbekundungen gegenüberstand, – angesprochen also von seiner Familie und seinen Freunden als derjenige, den sie ehemals kannten, antwortet Paul und die Worte gelangen aus seinem Mund in die Welt ohne dass er etwas dazutäte. Schemenhaft taucht in seinem Gedächtnis dann manchmal diese Person auf, die für ihn mehr eine Figur aus seinen Träumen, aus einem Buch oder einem Film ist, als er selbst. Kaum kann er sich den Eindruck verhehlen, ein Untoter zu sein: gestorben und doch nicht gänzlich getilgt geht er in dieser sepiafarbenen Zeit um, streift Menschen und Häuser, die so lange schon zu diesem Ort gehören, dass von ihrer Materialität nichts mehr übrig ist als die pure Behauptung ihres Vorhandenseins. – Das von Paul zurückgelassene Leben liegt nicht nur brach, es ist in genau derselben Weise verödet wie dieser andere er: es besteht fort ohne noch fortsetzbar zu sein, es bleibt in seiner Unfertigkeit vorhanden und ist unversehens sogar betretbar, aber es ist eine erfrorene Welt, die ohne Hoffnung auf den Rhythmus heimkehrender Schritte wartet, auf das metrische Klopfen eines Herzens, die Melodie der kleinen Freuden und der synkopischen Erschütterungen. Dieses, sein zurückgelassenes Leben ist verkümmert und traurig wie ein missgebildeter Embryo, eine Totgeburt, die künstlich zu beatmen er sich fortan gezwungen sieht.